Jonas mit Hanna und Rosa in Sopron

Szívélyes üdvözlet Sopronba!

 
19Februar
2013

Kultur und Sprache

Nach zwei Wochen eine neue Nachricht von mir.

Besonders viel ist nicht passiert, ein bisschen erneute Bürokratiefrustration in Győr, wo wir unsere Wohnsitzanmeldung aufgrund fehlender Bankdokumente nicht bekamen und wir nächste Woche die 1,5 Stünde Fahrt erneut antreten müssen.

Ansonsten waren es recht ruhige zwei Wochen in Sopron, der Unialltag hat uns schließlich erreicht, viel ist es an sich nicht, aber mit Nachbereitung und Vorbereitung kann man schon ein paar Tage füllen. Außerdem stehen ja leider auch noch Klausuren und Ausarbeitungen in und aus Lüneburg an.

Letzte Woche hatten wir unsere erste Stunde in der „Ungarische Kulturgeschichte“, sehr interessant, wir haben angefangen die Geschichte der ungarischen Völker seit 4000 v.Chr. zu hören. Nomadenvölker, die aus dem Uralgebirge Richtung Westen nach Europa wanderten und sich um ca. 900 n.Chr. im Gebiet des heutigen Ungarn und der umliegenden Länder niederließen.

Wanderungen der Ungarischen Völker

 

In der folgenden Zeit wurde Europa von ihren Streifzügen knapp 100 Jahre terrorisiert, 1001 unter Stephan I. wurde ihre schamanische Religion vom Christentum abgelöst und das Königreich Ungarn gegründet.

  Streifzüge der Ungarn im 10.Jahrhundert

Das alles nur im Schnelldurchlauf um eine Ahnung davon zu geben. Ich fand es sehr spannend diese Geschichte zu sehen, von der ich nicht mal ansatzweise etwas wusste. Die Geschichte eines Volkes, das in den Jahrhunderten nach 1000 n.Chr., vor allem aber ab den 19.Jahrhundert sehr viel mit Deutschland zu tun hatte.  Das werden wir in den nächsten Wochen genauer kennen lernen.

Neben der Geschichte bin ich auch der Sprach etwas näher gekommen. Auch, wenn das Sprechen immer noch sehr mühselig ist, einige interessante Entdeckungen habe ich gemacht.

So gibt es um Beispiel einige Doppelbedeutungen von Wörtern.

„nap“ ist sowohl Sonne, als auch Tag. „hét“ bedeutet 7 und Woche. Wetter und Zeit haben auch dasselbe Wort (idő). „dél“ ist Süden und Mittag. Macht alles, mehr oder weniger um die Ecke gedacht, ja echt Sinn. Aber könnte bald ziemlich verwirrend werden. Denn alleine in der letzten Woche habe ich eine Menge davon kennen gelernt (hallgatni = zuhören & schweigen, újság = Neuigkeit & Zeitung, hal = Fisch & Sterben, barát = Freund & Mönch, ösz = Herbst & die graue Farbe von Haaren). Puh. Allein an solchen Sachen merke ich langsam wirklich die grundsätzliche Verschiedenheit von den Sprachen die ich bisher kannte (von der grammatikalischen Struktur, die ich hier jetzt nicht beschreiben möchte, geschweige denn könnte,  mal ganz abgesehen). Ein anderes interessantes Wort ist „testvér“ (Geschwister). „test“ ist nämlich der Körper oder Leib, und „vér“ das Blut. Beschreibt Geschwister ganz gut. Und besonders schön finde ich "elmosolyodik" (sprich: älmoschojodik). Ich kenne ich keiner Sprache ein Pendant dazu. "mosolyog" bedeutet lächeln und die Vorsilbe "el-" heißt so viel wie fort oder weg. Es beschreibt also den Vorgang, wenn jemand anfängt zulächeln. Aber nur den Ansatz, den Anfang.

Neben diesen Unterschiedlichkeiten gibt es aber immer wieder auch erstaunliche Ähnlichkeiten.

„Pince“ ist Keller und „pincér“ ist Kellner. Und wenn eine Gefahr vorbei ist, sagen die Ungarn auch Die Luft ist rein (nur eben auf Ungarisch). „kanapé“ sagen auch die Ösis zum Sofa und die Paradeiser , die Tomaten der Österreicher sind in Ungarn „paradicsom“. Es gibt noch viel mehr Beispiele, die mir gerade leider nicht einfallen. Aber was Redewendungen und Floskeln angeht gibt es viele Übereinstimmungen mit dem Deutschen und vor allem dem Österreichischen. Hier sieht man die historische Nähe der Sprachen und Völker in den letzten paar Jahrhunderten.

Das war nur der Anfang, die ersten 3 Wochen, ich bin gespannt, was mir in den nächsten Monaten noch begegnen wird. Am Wochenende fahren wir nach Budapest, soll eine sehr tolle Stadt sein, ich bin sehr gespannt, freue mich und werde berichten.

06Februar
2013

Bürokratie und Unterricht in Ungarn

Die ersten sieben vollen Tage sind nun rum und es hat sich endlich einiges getan.

Wohnsituation:

Ich durfte endlich das Zimmer wechseln. In eine Wohnung mit zwei zweier Zimmern, Bad, Toilette und einer Art Küche, allerdings ohne Ofen oder Herd. Anscheinend gibt es aber immernoch Probleme und vielleicht muss ich da bald wieder raus, irgendwann irgendwoanders hin, weiß alles keiner so genau. Im Moment habe ich ein schönes Zimmer im Erdgeschoss, noch alleine, im Nebenzimmer ist ein netter Mexikaner aus Chihuahua in Chihuahua, der viel redet und scheinbar viel feiert. Auf jeden Fall kann ich endlich mit meinem Mitbewohner kommunizieren! Mit ihm verstehe ich mich sehr gut, und je nachdem wie es jetzt verläuft kann es sein, dass ich zu ihm in das Zimmer gehe und zwei weitere Mexikaner (die auch sehr nett sind) in mein jetziges Zimmer kommen. Das wäre mir das Liebste. Wenn es schlecht läuft, komme ich wieder mit dem schweigsamen Tanser in ein Zimmer. Jedenfalls ist es sehr nervig, dass ich immernoch nicht endgültig irgendwo bleiben darf. Dabei ist es hier so gemütlich!...

Mein derzeitiges, wunderschönes Zimmer

 

Mehr Endgültiges gibt es von der Universität zu berichten:

Am Montag Morgen waren Rosa, Hanna und ich mit Csilla im Dekanatsekretariat unserer Fakultät. Dort wurden wir eingeschrieben und sind jetzt offiziell an dieser Uni registriert (was hier nach der kurzen Zeit echt eine Leistung ist!). Danach bekamen wir Vorschläge für Unterrichtskurse. Und die waren komplett verschieden von den Fächern, die wir in Deutschland im Voraus eigentlich schon offiziell gewählt hatten. Nach kurzem Protest von unserer Seite konnte man sehen (verstehen tu ich sie leider ja noch nicht besonders gut), dass die vier Damen im Büro sich wirklich bemühten uns zu helfen. Aber nicht eine konnte etwas machen oder uns sagen was Sache ist. Es lebe der deutsche Bürokratismus, da läuft es wenigestens!

Unverrichteter Dinge, aber zumindest mit einer Studienbescheinigung ging es weiter in die Stadt zum Bürgeramt. Für unsere Studierendenausweise brauchten wir von dort noch ein Dokument. Wir werden also bald im Besitz eines echten ungarischen Studierendenausweises sein. So etwas bekommen ausländische Stundenten normalerweise nicht! Aber Dank Csilla sind wir bald für jede Preisermäßigung bereit!

Anschließend ging es wieder zur Uni. Bei einem Gespräch mit Bidló úr (Herrn Bidló), unserem Ansprechpartner und Koordinator hier bekamen wir dann doch noch die Kurse zugesichert, die wir uns gewünscht hatten. Man sieht, die Kommunikation hier innerhalb der Universität ist noch nicht ganz ausgereift.

 

Gestern die ersten Kurse.

12.00 órakor: Analytical Chemistry. Die Uni hat eine schöne Chemiefakultät mit tollen Laboren und interessanten, alten, oft selbstgebauten Analysegeräten. Nach einer kurzen Führung startete unser erster Kurs auf Englisch. Ich freue mich schon sehr, wir sind nur zu viert und haben jede Woche 4 Stunden, teils Theorie, teils Praxis und der Dozent machte den Eindruck, als ginge er sehr auf uns ein und könne uns den Stoff sehr spannend vermitteln.

Tulajdonképpen 15.00 óratól 17.30 óráig (wir kamen aber zu spät, da wir in der Stadt noch ein Konto eröffneten): Ecosystem Services and Biodiversity. Der Dozent war etwas böse, dass wir fast 1,5 Stunden später kamen. Das ließ er uns aber zum Glück nicht allzulang spüren, sondern hielt uns trotzdem nettweise einen knapp 2-stündigen Monolog über die Wälder der Erde. Er sprach von der Situation der Wälder in einzelnen Ländern, der Veränderung der Waldfläche im Lauf der letzten Jahrzehnte und erzählte von der Problematik von offiziellen Reports. Offiziell gilt nämlich jeder Hektar Erde als Wald, sobald über 10% der Fläche mit Bäumen bedeckt sind. Und zwei große Bäume mit großer Baumkrone auf einem Hektar gelten damit schon als Wald. Außerdem ist offiziellen Angaben sehr oft nicht zu trauen. Die Waldsitation ist damit real noch viel schlimmer, als die Berichte es darstellen.

Nach diesem langen, aber erfolgreichen Tag trafen wir uns wieder mit Csilla und ihren Freunden im Pince (Keller), zum Kickern und Entspannen.

Heute ging es dann gleich wieder mit einem Ungarischkurs. Wir werden in Zukunfte jede Woche zwei mal zwei Stunden haben, und jede zweite Woche mit einem Lehrer in die Stadt gehen und "Praxisunterricht" machen, indem wir Sachen lesen und übersetzen und mit Leuten sprechen sollen. Jede Einheit ist mit verschiedenen Lehrern. Mit dem vielen Unterricht sollten wir hoffentlich schnell mit dem ungarisch Sprechen voran kommen. Auch, wenn viele Ungarn hier Deutsch können und wir somit leider nicht immer gezwungen sind, Ungarisch zu sprechen. Und auch trotz der Schwierigkeit dieser Sprache. Zwei Dozenten entmutigten uns bisher schon sehr, als sie sagten, dass diese Sprache doch kaum lernbar sei. Aber wir werden nicht aufgeben, nicht innerhalb des nächsten Jahres!

 

Noch ein trauriger Nachtrag:

Heute morgen sahen wir vor dem Wohnheim eine Gruppe junger Männer, zwei weinten bitterlich und die anderen saßen verstört auf der Straße. Wir wussten nicht was los war, aber gerade haben wir erfahren, dass heute Nacht, nach der Party auf der wir auch waren, ein junger Mann von einem Zug überrollt wurde. Am ersten Tag hier wurden wir noch von Ádám gewart, dass wir nicht neben den Gleisen nach Hause gehen sollen, auch wenn das viel kürzer ist. Er sagte es passiert immer wieder, dass jemand dabei stirbt. Traurig, dass sich das so schnell bestätigt hat. Es wird heute Abend eine Andacht vor dem Wohnheim geben. Ich denke wir werden daran teilnehmen.

 

Um die Stimmung aber wieder zu bessern: Schöne Grüße aus der tollen Gemeinschaftsküche hier!

01Februar
2013

Ungarische Trinkkultur

Der zweite Tag und der dritte Abend sind nun überstanden.

Gestern wurden wir durch das Ligneum geführt, eine Art interaktives Forstmuseum der Universität. Und entweder waren wir die einzigen, die zu diesem Zeitpunkt hinein durften, oder es waren einfach keine Besucher da. Im Museum waren nämlich nur Rosa, Hanna, Tanser (mein türkischer Mitbewohner), Csilla, ein Freund von ihr, ich und drei Museumsangestellte.

Danach gab es eine Führung durch die Universitätsbibliothek, es wurde uns von einer netten Damen der historische Teil gezeigt, mit vielen tollen alten und oft deutschen Büchern. Die Universität wurde nämlich 1735 ursprünglich in Selmecbánya (Schemnitz) gegründet als Bergbauschule, entwickelte sich schnell zur Universität und der Unterricht war bis in 19. Jahrhundert auf Deutsch. 1918 wurde die Uni wegen der Gründung der Tschechoslowakei geteilt und der Forstwirtschaftliche Teil kam nach Sopron. Tanser verstand wie immer nichts von alledem.

Nach dem anschließenden Mittagessen ging es zurück auf unsere Zimmer. Ich hatte die vergangenen Tage wenig geschlafen und konnte Tanser klar machen, dass ich gerne etwas dösen würde. Leider hinderte ihn das nicht daran, 20 Minuten später lauthals zu telefonieren. War also nix mit Ruhe. Die Mädels waren auch müde, aber Csilla lud uns abends in die kleine urige Kneipe "Kishordó" - kleines Fass - ein. Dort saßen viele alte Männer und tranken Fröccs (sprich: frötsch), eine Art Weißweinschorle, nur ohne Kohlensäure. Viele von Csillas Freunden waren auch dort, es wurde uns Wein bestellt und gemeinsam wurde getrunken (sehr schnell und sehr viel) und auf drei Sprachen miteinander gesprochen. Immer sobald wir kurz davor waren, unseren Wein zu leeren, wurde der nächste bestellt. Als die Stimmung stieg holte "Joe", der uns seinen richtigen Namen nicht nennen will, ein Liederbuch hervor. Anscheinend singt man hier gerne, denn nicht nur er hatte eines dabei. Die ganze Gruppe schmetterte traditionelle Volks- und Trinklieder und sie wollten von uns unbedingt ähnliche deutsche Lieder hören, was uns anfangs etwas Schwierigkeiten bereitete. Der Abend wurde immer feuchfröhlicher, das Lokal wurde gewechselt und erst spätnachts waren wir im Bett.

Soproner Bier

 

Heute habe ich endlich etwas ausgeschlafen, gleich gehen wir einkaufen und dann zeigen Hanna, Rosa und ich Csilla und ihren Freunden, dass auch vegetarisches Essen gut schmecken kann.

30Januar
2013

Ankunft und der erste halbe Tag

    Rosa, Hanna und ich sind gestern, nach knapp 15 stündiger Fahrt, abends um 9Uhr endlich in Sopron / Ungarn angekommen. An dem Ort, dem wir schon seit Monaten entgegenfiebern.

Kurz vor dem Ziel im Zug

Csilla (sprich: Tschila), eine Soproner Studentin, die wir in Lüneburg schon kennengelernt haben, hat uns abgeholt und in unsere Zimmer gebracht. Ich wohne nun vorerst in einem hotelzimmerähnliceinen Schränken, zwei Stühlen und zwei Gläsern. Achja, ein kleiner Fernseher und ein Kühl“schrank“, mit gefühlten 3 Litern Fassungsvermögen ist auch noch drin. Mein Mitbewohner ist ein türkischer Austauschstudent, dessen Namen ich zum 10. Mal schon wieder vergessen habe und der weder Ungarisch noch Deutsch spricht und nur ein kleines bisschen Englisch. Und das ist nicht untertrieben, denn es scheitert bei ihm oft schon an Sachen wie „plate“, „knife“ oder „since when have you been here?“, bei denen er nur ratlos vor mir steht und versucht einem klar zu machen, dass er kein Wort versteht. So bleibt nur wildes Gestikulieren. Er scheint aber ein netter Kerl zu sein. Wir werden hoffentlich bald in ein anderes Zimmer ziehen, das etwas größer und mit Schreibtisch ist, zumindest wurde uns das versprochen. Vorerst sieht es bei mir aber noch so aus.

Nachdem ich mich mit dem ohnheimeigene Bar, wo Csilla mit einigen Freunden schon wartete. Alle begrüßten mich und etwas später auch Rosa und Hanna herzlich, gaben Bier aus und es wurde versucht auf verschiedenen Sprachen zu kommunizieren. Einige sprachen gutes oder schlechtes Deutsch, ein paar nur etwas Englisch, manchen musste alles auf Ungarisch übersetzt werden. Man fühlte sich aber gleich Willkommen und es wurde jeder noch so kleine Brocken Ungarisch bejubelt, den Rosa, Hanna oder ich rausbekamen.

Heute bekamen wir eine Stadtführung von unserem Buddy Csilla, bekamen die Uni und die schöne Innenstadt gezeigt, waren auf dem Feuerturm (Tűztorony) und verschafften uns einen Blick über die Umgebung. Mit dem ungarisch sprechen hapert es noch ein bisschen, vieles müssen wir bei Csilla erst nachfragen. („Was heißt bezahlen?“ –„Fizetni.“ - „Ahaaa, dann ist ‚wir möchten bezahlen‘ also ‚Szeretnék fizetni'!?“) So versuchen wir nicht ganz ahnungs- und hilflos dazustehen.
Eine Soproner StraßeRamon, Csilla, Rosa und Hanna (v.l.) vor einem großen Monument
Heute Abend ist die erste Kneipentour geplant, wieder unter der sicheren Führung von Csilla, und nachts sogar vielleicht die erste ungarische Party (buli!).

Ich bin jedenfalls guter Dinge, auch wenn einiges nicht ganz so ist, wie es uns versprochen wurde und man sich in vielen Sachen umgewöhnen werden muss. Es macht Spaß, alles ist neu und aufregend, so anders (die Sprache, die Menschen) und dann irgendwie doch so gleich (die Banken und Supermärkte zum Beispiel).
Vor allem bin ich auf die Uni gespannt, die nächste Woche startet. Wenn wir Pech haben, bekommen wir zu dritt Unterricht, was ziemlich schade wäre. Aber vielleicht lassen die Ungarn ja mit sich reden.